2. Prozesstag, Alexandra

Am 12. Mai fand vor dem Berliner Landgericht ein weiterer Verhandlungstag im Berufungsprozess gegen Alexandra R. statt. Die Verhandlung begann um 9:00 im Hochsicherheitssaal 700. Rund 25 Zuschauer beobachteten den Prozess. Die Beweisaufnahme wurde mit weiteren Zeugenvernehmungen fortgesetzt.

Holtmann – Bewachung auf der Gefangenensammelstelle
Als erster Zeuge wurde Holtmann gehört. Der Polizeiangestellte im Gefangenenwesen war auf der Gefangenensammelstelle damit beauftragt, darauf zu achten, dass Alexandra sich die Papiertüten, die ihr zur Spurensicherung über die Hände gestülpt worden waren, nicht hinunter reißt. Gegen 3:10 sei ihm aufgefallen, dass Alexandra sich Teile der Tüten abgerissen hatte, sie hingen in Fetzen an den Handgelenken. darauf hin sei ihr ein neues paar Tüten übergezogen worden. Auf Nachfrage gab er an, dass Alexandra im Gewahrsam keine Gelegenheit hatte, sich die Hände zu waschen.

Zeugin Ullrich –
Spurensicherung auf der Gefangenensammelstelle

Die nächste Zeugin war Frau Ullrich vom Berliner Landeskriminalamt, wohnhaft in Woltersdorf. Zusammen mit ihrem Kollegen Rademacher sei sie in der Gefangenensammelstelle damit beauftragt gewesen, etwaige Reste von Brandbeschleunigern an Alexandras Händen zu sichern. Während ihr die „Schreibarbeit“ zugekommen sei, hätte Kollege Rademacher Alexandras Hände mit Ethanol-getränkten Tüchern abgewischt und die gefertigten Abstriche anschließend luftdicht verpackt. Außerdem seien ihnen zur Späteren Auswertung noch Kleidungsstücke von Alexandra übergeben worden. Neben einer Hose und einem Pullover hätte sich auch ein Basecap darunter befunden. Anschließend seien die „Beweismittel“ an das für die weiteren Ermittlungen zuständige LKA 533 übergeben worden.

Richter Jung zeigte sich irritiert darüber, dass die Zeugin ein Basecap erwähnte: „Das suchen wir seit drei Wochen, wo ist denn das abgeblieben?“ Unter den Beweismitteln befände sich kein derartiges Kleidungsstück, auch in sämtlichen Beschlagnahmeprotokollen sei nichts dergleichen vermerkt, so Jung. Die Zeugin sagte aus, sie hätte ein Basecap „dunkel vor Augen gehabt“, könne sich aber nicht mehr erklären woher.

Die Verteidigung hakte nach, ob und wie sich die Zeugin über das Ergebnis der erstinstanzlichen Verhandlung informiert hatte. Krüger gab an, dass sie den Prozess in der Presse verfolgt hätte. Als Rechtsanwältin Arndt die Zeugin fragte, ob sie das Basecap womöglich von dessen Erwähnung in der Presse her assoziiere, konnte sie dies nicht mehr ausschließen.

Die Zeugin bemerkte noch, dass es für beweismittelproblematisch halte, dass ihnen sämtliche Gegenstände „von den Kollegen vor Ort“ in einem einzigen Behältnis übergeben wurden. Üblich sei es beschlagnahmtes Material von einander zu separieren, um eine Spurenübertragung zu vermeiden, jedoch hätten die Kollegen „das leider letztendlich anders gemacht“.

Die Zeugin wurde entlassen. Da der nächste Zeuge erst zu 10 Uhr geladen worden war, nutzte Richter Jung die Zeit bis dahin, um die Erklärungen bzw. Atteste zweiter Zeugen zu verlesen, die aus gesundheitlichen Gründen nicht zum Prozess erschienen waren.

Anschließend verlas er den Bericht zur Blutentnahme, die bei Alexandra noch auf der Gefangenensammelstelle durchgeführt worden war. Zum Zeitpunkt der Entnahme sei kein Alkoholgeruch feststellbar gewesen, sie hätte jedoch Blutalkohol festgestellt. Spuren von Medikamenten oder Betäubungsmitteln habe die toxikologische Untersuchung nicht ergeben. Es folgte eine weitere Unterbrechung bis 10:15 Uhr.

Nach kurzer Unterbrechung sollten sich die Verfahrensbeteiligten auf einen weiteren Termin abstimmen, der nötig wurde, da mehrere Zeugen nicht zur Verhandlung erschienen waren. Die Beteiligten fanden jedoch keinen gemeinsamen Termin und so wurde in Erwartung eines weiteren Zeugen‘ abermals unterbrochen.

Alexandras Mitbewohner
Im Anschluss wurde Alexandras Mitbewohner gehört. Wie bereits in der ersten Instanz schilderte er, dass Alexandra in der Tatnacht gegen 0 Uhr nach hause gekommen und in ihr Zimmer gegangen sei. Nach wenigen Minuten habe sie die Wohnung wieder verlassen, um Bier holen zu gehen. Er selbst habe sich danach hingelegt und erst am nächsten Morgen aus der Zeitung von ihrer Festnahme erfahren.

Richter Jung wollte von dem Zeugen wissen, welche Geschäfte in der Gegend noch nach 0 Uhr geöffnet hätten, was der Zeuge mit Hilfe eines Stadtplans erläuterte. Er merkte an, dass es öfters vorgekommen sei, dass er oder Alexandra noch zu solch später Uhrzeit dort eingekauft hätten.

Als nächstes fragte Richter Jung, ob sich in der Wohnung Utensilien befunden hätten, mit denen sich etwas anstecken ließ. Der Zeuge gab an, dass er es nicht genau wisse, es jedoch möglich gewesen sei, dass Grillanzünder o.ä. vorhanden waren, da die Grillsaison im Mai bereits begonnen hatte. Auf Nachfrage musste der Zeuge nun angeben, zu welchen Anlässen er bevorzugt auf welche Grillplätze gehen würde und welche Utensilien (Holzkohle, Grillanzünder bzw. Einweggrill) er dort hin mitnähme. Davor wurde er noch belehrt, dass er keine Aussagen machen müsste, die ihn selbst belasten könnten. Der Zeuge antwortete, konnte auf weitere Fragen, die nun allerdings auf Alexandras Grillgewohnheiten abzielten, keine Angaben machen. Auch auf die Frage Jungs nach Alexandras „Einstellung zu teuren Autos“ wusste er keine Antwort. Da beide in den Monaten vor ihrer Festnahme berufstätig bzw. in Ausbildung waren, hätten sie in der Zeit vor ihrer Festnahme wenig gemeinsam unternommen.

Zeuge Rademacher –
Spurensicherung auf der Gefangenensammelstelle

Um 13:00 Uhr wurde der 40-jährige Polizeibeamte Rademacher aus Berlin aufgerufen. Als Kollege von Frau Ullrich sei er als Teil der „Spurensicherungsgruppe“ in die GeSa am Temeplhofer Damm alarmiert worden. Er habe Alexandras Hände mit sogenannten Wischtüchern abgerieben und die Proben anschließend verpackt. Weitere mögliche Spuren seien ihm nicht aufgefallen. Nach Verlassen der Zelle seien ihm weitere „Beweismittel“ von der Funkwagenbesatzung ausgehändigt worden, die Alexandra festgenommen hatte. Darunter hätten sich Kleidung, Zigaretten,Farbsprühdosen und ein Reizstoffsprühgerät befunden. Auf Rückfrage des Richters gab er an, dass er sich nicht daran erinnern könnte, dass darunter ein Basecap gewesen sei.

Anschließend hielt Richter Jung ihm eine Aussage vor, die er in der ersten Instanz gemacht hatte. Damals hatte er ausgesagt, dass er an Stelle der Kräfte vor Ort davon abgesehen hätte, beschlagnahmte Gegenstände für die weitere Verwahrung in Papiertüten zu verpacken, sondern sogenannte Brandschutzbeutel genommen hätte. Rademacher erklärte dies damit, dass Brandschuttbeutel luftdicht seien. Im Gegensatz zu Papiertüten könnten flüchtige Stoffe nicht entweichen. Der Zeuge wurde entlassen.

Wolfgang Garten – Untersuchung der Farbsprühdosen
Als letzter Zeuge dieses Verhandlungstages wurde der 59-jährige Wolfgang Garten gehört. Herr Garten ist Sachverständiger für Werkzeuge und Brandspuren beim Berliner Landeskriminalamt. Er war mit der Untersuchung der in Tatortnähe gefundenen Farbsprühdosen und des Sprühkopfes, den Alexandra dabei hatte, beauftragt. Im Ergebnis sei zwischen den beiden Komponenten keine Verbindung herzustellen gewesen, wenngleich er nicht ausschließen könne, dass der Sprühkopf „auf der einen oder anderen Dose draufgesteckt hat“. Der Sprühkopf sei augenscheinlich neu und unbenutzt gewesen, die sichergestellten Farbsprühdosen waren jedoch verwittert und leer.

Der Sprühkopf der grünen Sprühdose habe zu einem früheren Zeitpunkt unter Wärmeeinwirkung gestanden. Die Deformierung läge jedoch auf der Seite, die entgegen der Sprührichtung liegt. Um es mit den Worten der Staatsanwältin zu sagen: Hätte jemand die Dose zum Zeitpunkt der Einwirkung in Betrieb genommen, hätte sie sich die Finger verbrennen müssen. Auf Frage des Richters erklärte Herr Garten, dass das Entzünden bspw. eines Autoreifens mittels Farbsprühdose und Feuerzeug kaum möglich sei, da in heutige Reifen sogenannte „Gummilöscher“ eingearbeitet sind, die das Material schwer entflammbar machten. Der Zeuge wurde entlassen.

Zuletzt wurde noch ein zusätzlicher Prozesstag für den 15. Juni 2010 festgelegt. Die Verhandlung wird wie angekündigt fortgesetzt am:

2. Juni 2010 – 9:00 – Landgericht Berlin (Saal 700)

Engarde-Soligruppe